Tormentill (Blutwurz)

POTENTILLA ERECTA (L.)

RÄUSCHEL (POTENTILLA TORMENTILLA NECK.), (POTENTILLA SYLVESTRIS NECK.), (TORMENTILLA ERECTA L.) Rosengewächse, ROSACEAE

Volksnamen: Blutwurz, Dilledapp, Rotwurz‚ Ruhrwurz, Siebenfingen

Arzneilich verwendete Pflanzenteile: Der Wurzelstock.

Drogenbezeichnung: Tormentillwurzel (stock) = TORMENTILLAE RHIZOMA (früher: RHIZOMA
TORMENTILLAE).

Botanik: Pflanzenbeschreibung: Im Boden ist Tormentill mit einem kräftigen, unregelmäßig dicken Wurzelstock verankert, der auch die Droge bildet. Zunächst ist die Bruch- oder Schnittstelle weiß, bald erfolgt aber eine intensive Rotfärbung. Aus diesem Wurzelstock wachsen mehrere gabelästige Stengel, die aufrecht oder aufsteigend eine Höhe von 10 bis 40 cm erreichen. Diese Stengel tragen gefingerte Blätter, die entweder ohne Stiel sind oder aber einen sehr kurzen Stiel tragen. Am Ende der Gabeläste sitzt jeweils eine gelbe Blüte mit vier Kronblättern.

Blütezeit: März bis Mai (Juni).

Vorkommen: Die Pflanze ist weit verbreitet. Sie liebt sandigen Untergrund ebenso wie feuchten Moorboden, doch ohne Sonne und Wärme mag sie nicht auskommen. Man findet sie daher häufig an Abhängen, auf Heiden, Waldlichtungen und Böschungen. 

Tormentill (Blutwurz) 2
Tormentill (Blutwurz) 2

Ernte und Aufbereitung: Man sammelt den Wurzelstock entweder im Frühjahr oder im Herbst. Nach der Reinigung werden die Wurzeln schnell im Schatten oder in der Sonne getrocknet.

Inhaltsstoffe (Wirkstoffe): Die Blutwurz ist eine Gerbstoffdroge. Sie enthält vornehmlich Catechingerbstoffe, denen man »Magenfreundlichkeit« nachsagt. Der Gerbstoffgehalt kann 22 % erreichen. Beim Lagern der Droge entsteht das Phlobaphen Tormentillrot, das weniger wirksam ist. Man sollte deshalb die Droge in der Hausapotheke jährlich erneuern. Wieweit dern Tormentillrot eine antibakterielle Wirkung zukommt, vermag ich nicht zu sagen.

Heilwirkung und Anwendunng: Für die Tormentill gibt es zwei Anwendungsbereiche: Man gebraucht sie äußerlich als Gurgel- und Spülmittel bei Entzündungen in Mund und Rachen, am Zahnfleisch und an den Schleimhäuten. Besonders wirksam ist das Gurgeln bei entzündeten Mandeln. Außerdem wirkt eine Abkochung der Wurzel in Form von Teilbädern oder Umschlägen bei Erfrierungen und schlecht heilenden Wunden‚ bei Hämorrhoiden und Verbrennungen‚ Innerlich gibt man Blutwurz bei Magen- und Darmstörungen, besonders bei Blähungen und Durchfällen, die mit Gärungserscheinungen in Verbindung stehen. 

Für beide Anwendungsbereiche gebraucht man Tormentill als Tee.

  • Den Tee bereitet man so: Etwa 1 Teelöffel Tormentillwurzel mit ungefähr 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Minuten lang am Sieden halten und noch warm abseihen. 2 bis 3 Tassen Tee täglich ist bei Durchfallerkrankungen die rechte Dosierung. 

Wird mit dem Tee gegurgelt oder der Mund gespült, so muß das mehrmals täglich erfolgen. Dies sind auch die Empfehlungen des BGA. Auch die Tinktur aus der Tormentill (Tinctura Tormentillae heißt sie in der Apotheke) ist innerlich und äußerlich wirksam. Die Einzelgabe zum inneren Gebrauch bei Durchfällen beträgt bei Bedarf 50 Tropfen. Zum Gurgeln oder für Teilbäder gibt man 2 Teelöffel der Tinktur in 1/2 L Wasser.

Mein besonderer Rat: Es ist nicht gut, bei Halsund Mandelentzündungen sofort nach starken Arzneimitteln (wie etwa Antibiotika oder Sulfonamide) zu greifen. Es gibt gute Heiltees für diese Erkrankungen; bei Lindenblüten wurde schon darauf hingewiesen. 

Als Gurgelmittel empfehle ich, die Tormentill, die Salbei und die Kamille - gemischt oder im Wechsel - zu verwenden. Alle drei Heilpflanzen haben ihre Besonderheiten und ergänzen sich sehr gut. Die Halsbeschwerden verschwinden schnell, komplikationslos und vollständig, außerdem hat der Organis- mus eigene Abwehrkräfte entwickelt, woran ihn die »drastischen Mittel« sonst hindern. 

Termentill (Blutwurz) als Hausmittel: Mal nennt man diese Heilpflanze Tormentill, mal Blutwurz, doch in jedem Fall ist dieselbe Droge gemeint. Sie gilt vielerorts als Hausmittel bei Durchfällen, bei Blähungen (gemischt mit Kümmel-Tee 1 : 1) und Magenbeschwerden (gemischt mit Pfefferminze 1 : 1). Aber auch die äußerliche Anwendung, besonders bei Frostschäden, wird in der Volksmedizin sehr geschätzt. 

Statt des Tees verwendet man auch die gepulverte Droge gegen Durchfall, wovon man, in Wasser oder Rotwein aufgeschwemmt, 3- bis 5mal täglich 1/2 bis 1 Teelöffel gibt. Die immer noch geübte Anwendung gegen zu heftige oder schmerzhafte Monatsblutungen ist sehr umstritten. Das gilt auch für die Behandlung von Gelbsucht, wie sie seinerzeit Sebastian Kneipp versuchte.

H. Marzell erzählt in seinen »Ethnobotanischen Streifzügen«‚ wie die Menschheit zu dieser Heilpflanze kam oder auf sie aufmerksam gemacht wurde: Im Jahre 1348/49 herrschte im badischen Wiesental die Pest. In der Zeit, als die Not am größten war, als Rettung unmöglich erschien, sei ein Vogel vom Himmel gekommen und habe folgendes Lied gepfiffen, so deutlich, daß es alle verstehen konnten: »Aesst Durmedill und Bibernell, Sterbt nüt so schnell.« 

Nebenwirkungen: Bei Überdosierung kann es wegen der hohen Gerbstoffmenge der Droge bei empfindlichen Patienten zu Magenbeschwerden oder Erbrechen kommen. Das ist jedoch sehr selten der Fall.

Hinweis: Durchfälle, die nach Einnahme von Tormentill-Tee nicht innerhalb von 2 bis 3 Tagen gestoppt werden können, bedürfen ärztlicher Behandlung.

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