Kamille

CHAMOMILLA RECUTITA [L.] RAUSCHERT,
(MATRICARIA CHAMOMILLA L.), (MATRICARIA RECUTITA L.)

Korbblütengewächse, ASTERACEAE (COMPOSITAE)

Volksnamen: Feldkamille, Garmille‚ Hermel, Kummerblume‚ Mägdeblume, Mueterchrut.

Arzneilich verwendete Pflanzenteile: Die Blüten und das daraus gewonnene ätherische Öl.

Drogenbezeichnung: Kamillenblüten = MATRICARIAE FLOS (früher: FLORES CHAMOMILLAE),
Kamillenöl = CHAMOMILLAE AETHEROLEUM (früher: OLEUM CHAMOMILLAE).

Botanik: Pflanzenbeschreibung: Die Kamille treibt aus einer kurzen Wurzel 20 bis 50 cm lange Stengel, an denen zwei- bis dreifach fiederteilige Blätter sitzen. Die Blütenköpfchen stehen einzeln an den Enden der verzweigten Sproßspitzen. Das Blütenköpfchen besteht aus einem Kranz weißer Strahlenblüten und etwa 400 bis 500 gelben, rührenförmigen Scheibenblüten. Die Früchte sind sehr klein, etwa 20000 Stück wiegen 1 g. Das Blütenköpfchen hat bei einer echten Kamille einen hohlen Blütenboden.

Blütezeit: Mai bis Juni.

Vorkommen: Die Kamille ist eine anspruchslose Pflanze. Sie wächst in fast ganz Europa auf Äckem, Schuttplätzen und Brachland, an Wegrändern, Böschungen, Feldrainen und vor allem in Getreidefeldern. Der Landwirt nennt diese Heilpflanze ein »übles Unkraut«.

Kamille 2
Kamille 2

Ernte und Aufbereitung: Gesammelt werden von der Kamille in erster Linie die Blütenköpfchen ohne den Stiel und die anderen krautigen Bestandteile. Doch bei der Badekamille ist man ein wenig großzügiger. Es dürfen Blütenstiele und etwas Blattanteil dabei sein. Weil die Qualität der Kamille in hohem Maße von dem Zeitpunkt des Einsammelns und der Art des Trocknens abhängt, ist hier große Sorgfalt nötig. Der beste Zeitpunkt für das Einsammeln ist der dritte bis fünfte Tag nach dern Aufblühen. Zu dieser Zeit sind die meisten Wirkstoffe ausgebildet. Das Trocknen soll auf luftigen Darren erfolgen bei nicht zu hoher Temperatur (nicht über 45°C). Ein luftiger schattiger Ort ist dafür geeignet. Kamille für Badezwecke sammelt man als ganzes Kraut, bündelt es und hängt es so zum Trocknen auf. Bei Bedarf reißt man dann die oberen Teile (Blüten mit Stiel und Blattspitzen) ab. Kamillenöl gewinnt man durch Wasserdampfdestillation. 

Inhaltsstoffe (Wirkstoffe): Der wichtigste Bestandteil der Kamille ist das ätherische Öl, das in Apothekerware zu mindestens 0,4 g/100 g enthalten ist. Es ist sehr kompliziert zusammengesetzt. Chamazulen, α - Bisabolol sind die wichtigsten Bestandteile des ätherischen Öls, das im Gegensatz zu anderen ätherischen Ölen eine blaue Farbe hat. Flavonoide und Cumarine sind weitere wichtige Bestandteile der Kamille, doch erst das Zusammenspiel aller Inhaltsstoffe ergibt die bekannte Kamillenwirkung.

Heilwirkung und Anwendung: Kamille wird innerlich und äußerlich gebraucht. Innerlich kann man die Kamille (als Tee) erfolgreich anwenden bei akuten Magenbeschwerden. Sie bringt rasche Linderung und beruhigt den Magen; schon nach kurzer Behandlung ist die akute Magenverstimmung beseitigt. Bei chronischen Entzündungszuständen der Magenschleimhaut, sogar bei Magengeschwüren, ist eine Kur mit Kamillen-Tee ebenfalls zu empfehlen: 3mal täglich jeweils auf leeren Magen 1 Tasse ungesüßten Kamillen -Tee trinken. Bei Magenbeschwerden, denen vermutlich ein Galleleiden zugrunde liegt, empfiehlt es sich, den Kamillen-Tee mit Pfefferminze und Melisse zu mischen. Pfefferminze und Kamille zu gleichen Teilen ergeben eine geeignete Kombination. Sind die Magenbeschwerden teilweise oder überwiegend nervöser Art, so ist die Kombination Kamille und Melisse - Verhältnis 1:1 - erfolgversprechend. Auch die Rollkur mit Kamillen - Tee bei Magenschleimhautentzündung ist eine erfolgreiche Behandlungsmethode.

Äußerlich wird die Kamille wegen ihrer entzündungswidrigen Eigenschaften bei schlecht heilenden Wunden genutzt. Bäder mit Kamillenzusätzen oder feuchte Umschläge auf Wunden haben sich ebenso bewährt wie Spülungen bei entzündeter Mund- und Rachenschleimhaut. Oft wird auch empfohlen, schlecht heilende Wunden mit Kamillen-Umschlägen zu behandeln. Die Heilkraft der Kamille bei Wunden steht außer Zweifel. Auch bei Pilzerkrankungen kann man sie anwenden. Entzündungen und Reizerscheinungen im Anal- und Vaginalbereich werden durch Spülungen mit Kamillen-Tee und durch KamillenDampfbäder günstig beeinflußt. Zur Behandlung von chronischem Schnupfen, akuten und chronischen Schleimhautentzündungen der Nase und des Rachenraums, bei Entzündungen der Nebenhöhlen sind Kamillen - Dampfbäder ebenfalls sehr geeignet. Wenn Sie sich einen Kamillen-Tee in der Apotheke kaufen, so steht auf der Packungsbeilage (vom BGA vorgeschrieben) unter dem Stichwort Anwendungsgebiete nur »Magen-DarmBeschwerden; Reizung der Mund- und Rachen schleimhaut sowie der oberen Atemwege«. Dennoch erkennt das BGA in der Monographie der Komission E weit mehr Anwendungsgebiete an, dort heißt es nämlich unter dem selben Stichwort: »Äußerlich: Haut- und Schleimhautentzündungen sowie bakterielle Hauterkrankungen einschließlich der Mundhöhle und des Zahnfleisches. Entzündliche Erkrankungen und Reizzustände der Luftwege (Inhalationen). Erkrankungen im Anal- und Genitalbereich (Bäder und Spülungen). Innerlich: gastro-intestinale Spasmen und entzündliche Erkrankungen des GastroIntestinal—Traktes« (Gastro-Intestinal-Trakt: Magen- und Dambereich).

  • So wird Kamillen-Tee bereitet: 1 bis 2 gehäufte Teelöffel Kamillenblüten mit 1 Tasse heißem Wasser überbrühen, nach 10 Minuten abseihen. Kamillen-Tee gut warm, nicht heiß, trinken.
  • So führt man eine Rollkur durch: Morgens vor dem Aufstehen 1 Tasse warmen Kamillen-Tee ungesüßt in bedächtigen Schlucken trinken (in der Thermosflasche neben das Bett stellen). Dann 5 Minuten entspannt auf dem Rücken liegen, 5 Minuten Seitenlage links, 5 Minuten auf dem Bauch, 5 Minuten Seitenlage rechts.
  • So wird ein Kamillen-Dampfbad gemacht: In einem Gefäß übergießt man 1 kleine Handvoll Kamillenblüten mit 1 l kochendem Wasser 5 bis 10 Minuten lang atmet man, Kopf und Gefäß mit einem großen Tuch abgedeckt, die heißen Kamillendämpfe ein. Auch Dampf—Sitzbäder zur Behandlung entzündeter Hämorrhoiden oder einer entzündeten Vaginalschleimhaut sind zu empfehlen. Für diese Anwendung — ebenso dosiert wie oben beschrieben — wird zweckmäßigerweise ein großes Gefäß genommen, das eine gute Standfestigkeit haben muß, etwa ein Eimer.

Bei der Empfehlung von Kamillen-Dampfbädern stößt man immer wieder auf Ablehnung, weil allgemein angenommen wird, diese Behandlung sei umständlich und verspreche zudem wenig Erfolg. Diese Annahme ist unrichtig; die Wirkung von Kamillen-Dampfbädern ist überraschend gut, die Behandlung einfach durchzuführen. Der gute Erfolg eines Kamillen-Dampfbades läßt sich darauf zurückführen, daß die wasserdampfflüchtigen Wirkstoffe der Kamillenblüte mit dem Dampf Stellen erreichen, die beim Gurgeln oder Spülen nicht erfaßt werden. Zudem beeinflußt der heiße Dampf jeden Heilungsprozeß günstig.

Anwendung in der Homöopathie: Das Homöopathikum Chamomilla ist in erster Linie als ein Heilmittel für das N ervensystem zu betrachten. Uberempfindlichkeit der Sinnesorgane und auch der sensiblen Nerven werden durch Chamomilla günstig beeinflußt. Man gibt es daher bei Kopfund Gesichtsneuralgien, stechenden Kopfschmerzen, entzündeten Augen und Ohren mit stechenden Schmerzen, Zahnschmerzen sowie bei krampfartigen Schmerzen im Bereich der Verdauungsorgane. Auch bei Husten (selbst bei Keuchhusten) kann Chamomilla gegeben werden. Glieder- und Muskelschmerzen (Rheumatismus) lassen sich ebenfalls mit Chamomilla günstig beeinflussen. Man verwendet das Mittel meistens in der sechsten Potenz (D6), wovon man 3- bis 5- (bis 8) mal täglich 5 bis 10 Tropfen gibt.

Kamille als Hausmittel: Selbstverständlich wird eine Heilpflanze mit so vielen günstigen Eigenschaften auch in der Volksmedizin fleißig verwendet. Man muß allerdings feststellen, daß man hier der Kamille »alles zutraut«‚ Aber gerade das schadet einer Heilpflanze mehr als es nützt und führt oft zu falscher Anwendung. Keine Heilpflanze kann gegen alle Beschwerden helfen. Wenn man aber die vier Hauptwirkungen nutzt die entzündungswidrige, die krampflösende, die beruhigende und die karminative Eigenschaft -, dann wird die Kamille selten enttäuschen. Die Volksmedizin war es wohl auch, die der Wissenschaft eine Erkenntnis aufdrängte, die heute große Beachtung findet. Man verwendete von alters her die Kamille als Tee bei allen Infektionen und behauptete, daß die Patienten sich schnell erholten. Privatdozent Kienholz von der Universität Gießen hat nun festgestellt‚ daß die Kamille in der Lage ist, Bakteriengifte unschädlich zu machen, so daß bei Infektionskrankheiten - beispielsweise durch Staphylokokken und Streptokokken - die Bakteriengifte »entschärft« werden. Das erklärt, daß Kamillen-Tee bei Infektionskrankheiten eine positive Allgemeinwirkung hat, und auch, warum Kamillendämpfe bei Erkrankungen der Bronchien und der Nasennebenhöhlen wirksam sind.

Nebenwirkungen: Bei richtiger Dosierung ist die Kamille ungiftig. Dennoch muß vor Dauergebrauch gewarnt werden. Manche Menschen erheben den Kamillen-Tee zum Haustee und trinken ihn über J ahre hindurch täglich, um besonders gute Wirkung zu erzielen. In solchen Fällen kann es - allerdings selten - zu Schwindel, Bindehautentzündungen und nervöser Unruhe kommen. Kamillen-Tee soll nicht für Augenspülungen verwendet werden!

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